Saturday, October 23, 2010

Frühsommer in der Lavadina


Mächtig stand der Prangerbaum am Wegrand, stand in seiner Blüte.

Ich lief den schmalen Weg entlang, an den Gärten vorbei, über die Wiesen. Von weitem sah ich schon den Prangerbaum; als ich an Evis Haus vorbeikam, hörte ich das Klappern ihrer Schreibmaschine aus ihrem Garten. Ich näherte mich dem Garten, kletterte über den Zaun und grüsste. Sie sass konzentriert vor ihrer Schreibmaschine und schrieb. Ab und an blickte sie zu mir hoch und lächelte. Dann senkte sie ihr Haupt wieder und starrte gebannt auf ihr Manuskript. Nach einer Weile fragte sie mich, ob ich eine Tasse Tee haben möchte, denn sie würde sich jetzt eine zubreiten. Ich nickte. Sie schrieb den letzten Satz zu ende, stand auf, rückte sich ihre Sonnenbrille zurecht und lief noch tiefer in ihren Garten hinein. Ich folgte ihr. Hinter ein paar Büschen befand sich ein kleiner Weiher, in dem Kaulquappen lebten, die sich später, schon bald, zu Fröschen verwandeln würden. Unweit das Weihers wuchsen Pfefferminzbüsche, die Evi selbst gepflanzt hatte. Sie betrachtete den Pfefferminzstrauch und riss ein paar Blätter ab. Dann formte sie ihre Hand zu einer Schale und trug die Blätter behutsam in ihre Küche, wo sie Wasser aufsetzte. Wenig später goss sie das kochende Wasser über die frischen Pfefferminzblätter, die sie zuvor in eine Teekanne gegeben hatte. Das roch gut, richtig frisch. Sie fügte ein paar Tropfen frischer Zitrone und Eiswürfel hinzu, um den Tee ein wenig abzukühlen. Dann gingen wir zurück in den Garten, jeder mit seiner Tasse. Ich hatte begonnen ein Buch zu lesen. Sie korrespondierte weiter.

Nach einer Weile, die Sonne war schon sehr weit gegangen, begannen die ersten Wolken aufzuziehen, verstummte die Schreibmaschine und Evi begann ihre Texte zu lesen. Plötzlich wurden aus den Wolken Gewitterwolken und wir entschlossen uns ins Haus zu gehen. Sie räumte alles zusammen und brachte es über die hellbraune Holztreppe hinauf in ihr Atelier. Noch bevor sie die schwere Holztür hinter sich zu schlagen konnte, donnerte bereits der Regen in Strömen herunter. Blitze zuckten und in weiter Ferne hörte man Donnergrollen. Über das Atelier gelangten wir ins Wohnhaus. Evi schloss alle Fenster. Dann setzten wir uns in ihrem Wohnzimmer, das ebenfalls Arbeitszimmer war, und lauschten dem Regen. Das mochte ich gern. Denn das hatte ich als ganz kleiner Junge mit meiner Grossmutter gemacht. Allerdings war ich dann mit meiner Ahna jeweils im Freien. Auf der Terrasse ihres Hauses befand sich ein alter Diwan, der nun seine Verwendung als Gartenmöbel innehatte. Wir kauerten uns bei einem Unwetter auf diesen Diwan und lauschten dem Regen, ohne nass zu werden, denn das Vordach des Hauses gewährte genügend Schutz vor dem kalten Nass. Ich fühlte mich dann immer sehr geborgen.

Der Regen fiel stärker und der Wind setzte ein. Erstaunt schauten wir auf den Prangerbaum, wie er sich im Wind neigte, beinahe zu knicken drohte, aber in Evis Gesicht war keine Spur von Besorgnis auszumachen. Dann begann sie zu erzählen. Dieser Baum gehört mir. Ich habe ihn vor vielen Jahren gekauft. 1972 sei es gewesen, kurz nachdem sie in die Lavadina gezogen war. Eines Tages sei ein Mann mit einer Säge zum Prangerbaum gekommen. Als dieser sich daran machte, den Baum zu fällen, sprang Evi, die das ganze von ihrem Wohnzimmer aus gesehen hatte, in ihren Vorgarten hinaus und schrie den armen Mann an, dies zu unterlassen. Doch der Mann wollte anfangs nicht hinhören, mit seiner Arbeit fortfahren. Da bot sie ihm an, den Baum zu kaufen, tat dies auch, und rettete so den Prangerbaum vor seinem schicksalhaften Ende. Evi ist überzeugt, dass der alte Holzapfelbaum gegenüber ihrem Haus der Prangerbaum von der Lavadina ist. Genau hier war es, wo früher die Lavadiner zusammenkamen, um den grossen Rat zu halten und Verbrecher zur Schau zu stellen. Und so ist es nun mein Baum, schloss sie ihren Monolog.


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