Sunday, October 24, 2010

Rush Hour@2am - The city calls you


Manchmal, bei einem guten Gespräch höre ich meine Freunde sagen: “Nächstes Wochenende fahren wir wieder mal nach London. Waren ja schon längere Zeit nicht mehr dort und meine Freundin will zum Shoppen ab und an mal hinfahren.” Eine andere Freundin erzählte mir, dass sie am liebsten nach Paris fahre, denn es sei schlichtweg ihre Lieblingsstadt, und mindestens einmal im Jahr müsse sie da einfach hin. Eine andere langjährige Bekannte sagten mir, dass sie mindestens einmal im Jahr mit ihrem Freund nach Venedig reise: “Das ist einfach die romantischste Stadt Europas”, meinte sie. Doch weshalb besuchen viele von uns mehrmals dieselbe Stadt und welchen Reiz hat dies überhaupt?

Es scheint sich dabei um ein besonderes Phänomen zu handeln, denn ich habe selbst auch verschiedene Male dieselben Städte besucht. Es mag sein, dass wir als Besucher in diesen Städten etwas Positives und Einzigartiges erlebt haben und dies nochmals erleben möchten? Das können verschiedene Erlebnisse sein: Clubbing in London, eine Gondelfahrt auf dem Canale Grande, den schwindelerregenden Eiffelturm besteigen und sich oben ablichten lassen oder ganz einfach durch die Champs Elysee zu flanieren und in einem Strassencafé einen Café au lait geniessen. Und es gibt Leute, die Madrid mehrmals zu ihrem Reiseziel gemacht haben. Doch weshalb sollte man mehr als einmal nach Madrid besuchen?

Eine meiner besten Freundinnen, Louise Allister, aus New York City reist mindestens drei Mal im Jahr nach Madrid. Sie selbst behauptet, dass Madrid die beste Metropole der Welt sei, und deshalb komme sie so oft hierher. Anders als in ihrer Heimatstadt New York geniesst sie in Madrid Ausstellungen internationaler Künstler, lokales Kino und Theater sowie weitere kulturelle Aktivitäten. Weiters frönt sie in Madrid viel lieber dem Leben auf der Strasse, trifft sich mit Freunden auf den unzähligen Strassencafés, von denen es tausende in Madrid gibt, die vielen Tapasbars, die zu einem gemütlichen Häppchen einladen und natürlich das unermüdliche Nachtleben, das die Grossstadt zu bieten hat. Es soll also jeder für sich selbst entscheiden, wo und mit wem er seinen nächsten Urlaub in einer Stadt verbringt.

Saturday, October 23, 2010

Frühsommer in der Lavadina


Mächtig stand der Prangerbaum am Wegrand, stand in seiner Blüte.

Ich lief den schmalen Weg entlang, an den Gärten vorbei, über die Wiesen. Von weitem sah ich schon den Prangerbaum; als ich an Evis Haus vorbeikam, hörte ich das Klappern ihrer Schreibmaschine aus ihrem Garten. Ich näherte mich dem Garten, kletterte über den Zaun und grüsste. Sie sass konzentriert vor ihrer Schreibmaschine und schrieb. Ab und an blickte sie zu mir hoch und lächelte. Dann senkte sie ihr Haupt wieder und starrte gebannt auf ihr Manuskript. Nach einer Weile fragte sie mich, ob ich eine Tasse Tee haben möchte, denn sie würde sich jetzt eine zubreiten. Ich nickte. Sie schrieb den letzten Satz zu ende, stand auf, rückte sich ihre Sonnenbrille zurecht und lief noch tiefer in ihren Garten hinein. Ich folgte ihr. Hinter ein paar Büschen befand sich ein kleiner Weiher, in dem Kaulquappen lebten, die sich später, schon bald, zu Fröschen verwandeln würden. Unweit das Weihers wuchsen Pfefferminzbüsche, die Evi selbst gepflanzt hatte. Sie betrachtete den Pfefferminzstrauch und riss ein paar Blätter ab. Dann formte sie ihre Hand zu einer Schale und trug die Blätter behutsam in ihre Küche, wo sie Wasser aufsetzte. Wenig später goss sie das kochende Wasser über die frischen Pfefferminzblätter, die sie zuvor in eine Teekanne gegeben hatte. Das roch gut, richtig frisch. Sie fügte ein paar Tropfen frischer Zitrone und Eiswürfel hinzu, um den Tee ein wenig abzukühlen. Dann gingen wir zurück in den Garten, jeder mit seiner Tasse. Ich hatte begonnen ein Buch zu lesen. Sie korrespondierte weiter.

Nach einer Weile, die Sonne war schon sehr weit gegangen, begannen die ersten Wolken aufzuziehen, verstummte die Schreibmaschine und Evi begann ihre Texte zu lesen. Plötzlich wurden aus den Wolken Gewitterwolken und wir entschlossen uns ins Haus zu gehen. Sie räumte alles zusammen und brachte es über die hellbraune Holztreppe hinauf in ihr Atelier. Noch bevor sie die schwere Holztür hinter sich zu schlagen konnte, donnerte bereits der Regen in Strömen herunter. Blitze zuckten und in weiter Ferne hörte man Donnergrollen. Über das Atelier gelangten wir ins Wohnhaus. Evi schloss alle Fenster. Dann setzten wir uns in ihrem Wohnzimmer, das ebenfalls Arbeitszimmer war, und lauschten dem Regen. Das mochte ich gern. Denn das hatte ich als ganz kleiner Junge mit meiner Grossmutter gemacht. Allerdings war ich dann mit meiner Ahna jeweils im Freien. Auf der Terrasse ihres Hauses befand sich ein alter Diwan, der nun seine Verwendung als Gartenmöbel innehatte. Wir kauerten uns bei einem Unwetter auf diesen Diwan und lauschten dem Regen, ohne nass zu werden, denn das Vordach des Hauses gewährte genügend Schutz vor dem kalten Nass. Ich fühlte mich dann immer sehr geborgen.

Der Regen fiel stärker und der Wind setzte ein. Erstaunt schauten wir auf den Prangerbaum, wie er sich im Wind neigte, beinahe zu knicken drohte, aber in Evis Gesicht war keine Spur von Besorgnis auszumachen. Dann begann sie zu erzählen. Dieser Baum gehört mir. Ich habe ihn vor vielen Jahren gekauft. 1972 sei es gewesen, kurz nachdem sie in die Lavadina gezogen war. Eines Tages sei ein Mann mit einer Säge zum Prangerbaum gekommen. Als dieser sich daran machte, den Baum zu fällen, sprang Evi, die das ganze von ihrem Wohnzimmer aus gesehen hatte, in ihren Vorgarten hinaus und schrie den armen Mann an, dies zu unterlassen. Doch der Mann wollte anfangs nicht hinhören, mit seiner Arbeit fortfahren. Da bot sie ihm an, den Baum zu kaufen, tat dies auch, und rettete so den Prangerbaum vor seinem schicksalhaften Ende. Evi ist überzeugt, dass der alte Holzapfelbaum gegenüber ihrem Haus der Prangerbaum von der Lavadina ist. Genau hier war es, wo früher die Lavadiner zusammenkamen, um den grossen Rat zu halten und Verbrecher zur Schau zu stellen. Und so ist es nun mein Baum, schloss sie ihren Monolog.


Thursday, October 21, 2010

Rush Hour@2am - Almodóvars Muse


Lange bevor ich nach Madrid gezogen bin, wusste ich eigentlich schon recht viel über diese Stadt und die Gewohnheiten der Madrilenen, ohne dass mir dies richtig bewusst war. Während eines Sprachaufenthaltes sah ich meinen ersten Film von Almodóvar in einem Kino. Der Film hieß „Kika“ (1993) und ich war fasziniert von den Farben und den überspitzten Figuren. Ich hatte Blut geleckt und wollte weitere Filme von ihm sehen, aber auch mehr über diesen „mysteriösen“ Regisseur in Erfahrung bringen, über den mehr geschrieben und diskutiert wird als über die Darsteller in seinen Filmen.

Markenzeichen seiner Filme ist, dass sie überwiegend in Madrid spielen. Pepas Loft in „Frauen am Rande eines Nervenzusammenbruchs“ befindet sich im Stadtviertel Retiro, während die Wohnung der Autorin Leo aus „Mein blühendes Geheimnis“ direkt an der Gran Vía bei Plaza de Callao liegt. Sein erster Film „Pepi, Lucí und Bom“, ist retrospektiv betrachtet ein Zeitzeugnis, weil dieser Film während der Madrider „Movida“ zwischen 1979 und 1980 entstanden ist. Er zeigt auf wie die jungen Menschen damals ihre „Befreiung“ auslebten, mit Punkmusik, Partys, Alkohol, Drogen und durch Kreativität.

Das eigentlich Sonderbare ist jedoch nicht, dass Almodóvar alle seine Filme in Madrid ansiedelt, sondern die eigentümlichen und waschechten Originale, die er in seinen Filmen naturgetreu nachbildet. Die Realität verwirrt sich mit der Fiktion. Wenn ich nämlich die Leute betrachtend durch Madrid laufe, dann stoße ich gelegentlich auf „Szenen“ aus Almodóvars Filmen in der Stadt, ohne dass dabei ein Film gedreht wird. Die Gesten, das Handeln, die Sprache, die Redewendungen, all das ist Teil der spanischen Mentalität, die ich als Betrachter vielleicht nicht immer gleich richtig einschätzen kann. Auf alle Fälle erzeugen sie unwiderruflich einen Flashback in einen seiner Filme. Jedoch die simulierte Komik im Film gilt auf der Straße als purer Ernst und kann nicht immer als Witz wahrgenommen werden. Aus diesem Grund, auch nach ein paar Jahren in Madrid, treffe ich gelegentlich auf echte Situationskomik auf offener Straße, und bin mir mehr als sicher, dass ich definitiv in Pedro Almodóvars Stadt lebe und mich auch richtig wohlfühle.